Die Trauer um einen geliebten Menschen gehört zu den tiefsten Erfahrungen menschlichen Daseins. Sie führt an eine Schwelle, an der das Leben seine vertraute Ordnung verliert und uns in eine Wirklichkeit entlässt, die wir weder kennen noch je betreten wollten. Trauer zeigt sich in widersprüchlichen Bewegungen, im Grübeln und Verstummen, im Entwerfen und Verwerfen von Plänen, im Aufbegehren und im zaghaften Hoffen. Sie weckt das Bedürfnis, über Grundfragen des Lebens nachzudenken, und fordert dazu heraus, innerlich Stellung zu beziehen.
Zwei Monate nach dem Tod ihres Ehemannes Gabriel, der im Alter von 53 Jahren an Krebs verstorben war, suchte Lisa erstmals meine Praxis auf.
Ein Jahr lang begleitete ich sie auf ihrem Trauerweg. Im Sinne der Logotherapie nach Viktor Frankl stand dabei vor allem die Sinnfrage im Mittelpunkt: Wie lässt sich ein als zutiefst ungerecht erlebter Tod in die eigene Lebensgeschichte einordnen? Welche Freiheit bleibt dem Menschen angesichts eines unabänderlichen Schicksals?
Die Logotherapie von Viktor Frankl versteht den Menschen als frei, auch dort noch eine Haltung zu wählen, wo das Schicksal ihm die Wahlmöglichkeiten nimmt.
Ein erster Schritt bestand darin, dem Trauerschmerz eine Form zu geben.
„Wie kommt bei Ihnen die Vorstellung an, das Zulassen dieses Schmerzes zeitlich zu begrenzen?“, fragte ich Lisa. Sie blickte mich irritiert an. „Geht das denn?“
Im Gespräch entstand die Idee, der Trauer bewusst begrenzte Zeiten einzuräumen – Momente, in denen Erinnerungen, innerer Dialog und Gefühle ihren Platz haben dürfen. Das ebenso bewusste Beenden dieser Phasen schuf trauerfreie Inseln der Erholung. So gewann Lisas Erleben eine Struktur, die Halt gab und vor emotionaler Überwältigung schützte.
Den Verlust Wort für Wort begreifen
In der frühen Phase ging es zunächst ums Durchhalten. „Derzeit habe ich nur ein Ziel: die Zeit bis zum ersten Todestag irgendwie zu überstehen“, sagte Lisa.
Doch aus dem bloßen Überleben konnte ein allmähliches Gestalten erwachsen. Schreiben half ihr, Gedanken zu ordnen und Gefühle auszudrücken. Worte gaben dem inneren Erleben Form und machten es mitteilbar. Die Suche nach dem passenden Ausdruck wurde zu einer tragenden Bewegung auf ihrem Weg durch die Trauer.
In ihr Therapieheft notierte sie: „Ich habe Angst, Gabriel zu verlieren. Klingt komisch, wo er doch tot ist.“ Im weiteren Gespräch zeigte sich, wie sehr sie darum rang, dem Verlust eine neue Form von Beziehung und Sinn zu geben. Die Angst verwies auf die tiefe Bedeutung dieser inneren Verbundenheit für ihr Weiterleben.
Lisas Blick bleibt an einer besonderen Schale im Bücherregal hängen. „Die ist ja schön!“
Bei der japanischen Reparaturkunst Kintsugi wird zerbrochene Keramik wieder zusammengesetzt, die Bruchlinien werden mit Gold sichtbar hervorgehoben. Die Risse verschwinden nicht, sie werden Teil einer neuen, veredelten Form. So kann im Unvollkommenen eine Ahnung des Ganzen aufscheinen. Die vergoldeten Bruchlinien erinnern nicht nur an das Zerbrechen, sondern erzählen zugleich von der Möglichkeit, neu zusammenzufinden, anders als zuvor, doch nicht weniger kostbar.
Lisa haderte: „Warum musste uns das passieren?“
Inmitten der Ohnmacht kann die Warum-Frage zunächst ein Gefühl von Selbstwirksamkeit vermitteln. Doch dauerhaft führt rückwärtsgewandtes Grübeln leicht in eine gedankliche Abwärtsspirale, in ein „Warum-Desaster“, das den Blick verengt und Kräfte bindet. Viktor Frankl erinnerte daran, dass sich aus der Zeitdauer eines Menschenlebens nie auf seine Sinnfülle schließen lässt (Ärztliche Seelsorge, 1946, S. 51).
Die Hinwendung zur Wozu-Frage mag sprachlich klein wirken, innerlich bedeutet sie eine grundlegende Wende. Wozu lohnt es sich aufzustehen? Welche Aufgaben warten darauf, übernommen zu werden? Welche Hoffnungen können tragen? Welcher Mensch möchte ich künftig sein, vielleicht auch im Sinne des Verstorbenen? Der Blick richtet sich auf das, was trotz allem nach Verwirklichung ruft. Im Zentrum steht nicht mehr, was wir vom Leben erwarten. Entscheidend ist hingegen die Frage: Was möchte das Leben jetzt von mir? Nicht umgekehrt.
Wir beobachteten den Sand, der unaufhaltsam durch die schmale Mitte der Sanduhr rann, und fragten uns, wann etwas wirklich verloren ist.
„Sie zeigt, wie viel Zeit bereits vergangen ist“, sagte Lisa nachdenklich.
Aus logotherapeutischer Sicht erlaubt die Sanduhr noch weitere Deutungen. Das obere Glas steht für die Zukunft, für eine noch unbekannte, aber von Möglichkeiten erfüllte Zeit. Die Engstelle symbolisiert die Gegenwart, jenen Augenblick in dem wir, geleitet von unserem Gewissen, entscheiden, welche dieser Möglichkeiten wir ergreifen und im Hier und Jetzt verwirklichen sollen.
Was einmal gelebt wurde, ist zwar nicht mehr verfügbar, gehört jedoch unwiderruflich zur eigenen Lebenswirklichkeit, da es verwirklicht wurde. Es bleibt im Vergangen-Sein bewahrt. Was jedoch vergänglich ist, sind jene Möglichkeiten, die wir zu Lebzeiten hätten, jedoch nicht ergreifen. Etwa wenn es darum geht, einem Menschen beistehen, oder ihm zu sagen, ‚Ich liebe dich‘, ‚Ich danke dir‘, ‚Es tut mir leid‘ oder ‚Durch dich bin ich geworden, wer ich bin`.
Indem wir unserem Leben wieder Bedeutung geben, ehren wir jene, die von uns gegangen sind.
Ein Jahr später blickte Lisa auf 365 Tage zurück, die sie, wie sie selbst sagte, „überlebt hatte“. Der erste Jahresring hatte sich um einen noch wunden Stamm gelegt.
„Ich bin eine andere geworden“, sagte sie.
Ihr Selbstverständnis hatte sich gewandelt. Äußere Erwartungen traten in den Hintergrund, während das Bedürfnis nach innerer Stimmigkeit an Gewicht gewann. Sie begann zu malen, organisierte Vernissagen zugunsten krebserkrankter Kinder und dachte über neue berufliche Wege nach. Manche Kontakte verloren an Bedeutung, andere gewannen an Tiefe. Authentizität wurde wichtiger als das Aufrechterhalten einer vermeintlichen Normalität.
An die Stelle vorausplanenden Denkens trat eine neue Sensibilität für das Wesentliche im jeweiligen Augenblick. „Ich vermisse Gabriel“, sagte sie. Die innere Leerstelle blieb schwer fassbar. Zugleich ist ihre Fähigkeit gewachsen, Erinnerungen nicht mehr ausschließlich als Quelle des Schmerzes, sondern als bewahrenden Akt zu erleben, der dem gemeinsam Gelebten einen würdigen Platz gibt.
Die Liebe hatte ihre Gestalt verändert, während die Trauer als Herausforderung bestehen blieb. Grundlegende Fragen begleiteten sie: Wer bin ich jetzt ohne den geliebten Menschen? Wie kann ein Leben weitergehen, das in seiner bisherigen Form nicht mehr existiert?
„Ich spreche manchmal noch mit Gabriel“, sagte Lisa zögernd. „Er hilft mir beim Weiterleben.“ Logotherapeutisch lässt sich eine solche innere Zwiesprache als Ausdruck verantworteter Liebe verstehen. Weiterleben bedeutet nicht, den Verlust hinter sich zu lassen, sondern ihn in die eigene Lebensgeschichte einzuweben. Trauer ist ein Weg, den niemand freiwillig wählt, und doch verwandelt er jene, die ihn gehen, auf eine Weise, die vorher nicht denkbar gewesen wäre. Vielleicht liegt gerade darin jene Form von Sinn, die Verbundenheit bewahrt und zugleich Raum für neues Leben eröffnet.
Das Buch von Sabine Wöger „Trauer und Logotherapie“ (2026) entstand aus der behutsamen Annäherung an das, was im Menschen unzerstörbar bleibt, wenn alles andere zerbricht.

Das Buch richtet sich an Menschen in Trauer ebenso wie an jene, die Trauernde einfühlsam, individuell und authentisch begleiten möchten. Es lädt die Leser*innen ein, logotherapeutisch kommentierten Gesprächen zu folgen und Einblick in die innere Erfahrungswelt einer Hinterbliebenen zu gewinnen.