Die innere Leere ist das „existenzielle Vakuum“, eine Atemlosigkeit, die uns trotz materiellen Überflusses und unbegrenzter Möglichkeiten hohl zurücklässt. Wie man dieser Leere nicht mit Optimierung, sondern mit Haltung begegnet, zeigt niemand eindrucksvoller als der Wiener Psychiater Viktor E. Frankl.
In einer Ära, in der wir uns mit beispielloser Präzision selbst vermessen, optimieren und vermarkten, breitet sich ein paradoxes Phänomen aus: das Gefühl der inneren Leere. Es ist das „existenzielle Vakuum“, eine Atemlosigkeit, die uns trotz materiellen Überflusses und unbegrenzter Möglichkeiten hohl zurücklässt. Die Zahlen sind alarmierend: Laut Alexander Batthyány hat sich das Gefühl der Sinnlosigkeit in der Allgemeinbevölkerung seit 1970 nahezu verdoppelt.
Wie man dieser Leere nicht mit Optimierung, sondern mit Haltung begegnet, zeigt niemand eindrucksvoller als der Wiener Psychiater Viktor E. Frankl. Als er 1997 auf dem Weg in den Operationssaal zu einem riskanten Eingriff war, hielt er kurz inne und sagte zu den Ärzten: „Die Situation entbehrt jeder Tragik!“
Diese Worte waren kein Zweckoptimismus. Sie waren das Destillat einer Lebensphilosophie, die selbst in den Abgründen der Konzentrationslager Bestand hatte. Frankl verstand, dass Sinn nichts ist, was man besitzt, sondern etwas, dem man antwortet.
Frankl durchbrach das binäre Denken seiner Zeit und eröffnete einen „dritten Himmel“ über dem Menschen. Während René Descartes uns als Einheit von Leib und Seele begriff und Sigmund Freud uns im Gefängnis von Trieben und Prägungen (Leib und Psyche) sah, entdeckte Frankl die geistige Dimension – die Noetik.
Diese Dimension ist die eigentliche Heimat unserer Freiheit. Sie ist:
Dieses Modell ist radikal befreiend. Es bedeutet: Sie sind nicht identisch mit Ihrer Depression, Ihrem Burnout oder Ihrem alternden Körper. Der „geistige Personenkern“ bleibt eine Instanz, die fähig ist, eine Stellungnahme zu beziehen. Er ist das, was Johanna Schechner und Heidemarie Zürner als jenes Element beschreiben, das es uns ermöglicht, unser Leben unter allen Umständen selbst zu gestalten.
Wir betrachten das Leben oft als einen Supermarkt, in dem wir nach Sinn und Glück greifen wollen. Frankl fordert hier eine radikale Umkehrung – „zünftig philosophisch gesprochen“, wie er es nannte, eine „Art kopernikanische Wende“ in der Sinnfrage.
Nicht wir sind es, die das Leben befragen dürfen. Vielmehr ist der Mensch der vom Leben Befragte. Sinn wird nicht willkürlich „erzeugt“ oder als Konzept „gegeben“; er muss gefunden werden. Er ist die jeweils ganz konkrete „Forderung der Stunde“, die an eine ganz bestimmte Person in einer einzigartigen Situation adressiert ist.
Sinnfindung bedeutet also, die Rolle des passiven Konsumenten zu verlassen und zum aktiven Gestalter zu werden, der die Verantwortung übernimmt, auf die Fragen zu antworten, die das Leben in jedem Augenblick stellt.
Wenn unser innerster Antrieb, der „Wille zum Sinn“, blockiert ist, manifestiert sich das existenzielle Vakuum in zwei spezifischen, zerstörerischen Haltungen. Frankl differenziert hier präzise:
In einer Zeit, in der uns Instinkte nicht mehr sagen, was wir müssen, und Traditionen nicht mehr vorschreiben, was wir sollen, stehen wir schutzlos vor der Leere. Wir flüchten uns in eine Eventgesellschaft, doch der Kern bleibt hohl. Friedrich Hebbel beschrieb dieses schmerzhafte Bewusstsein des verpassten Potenzials mit poetischer Wucht:
„Der ich bin, grüßt traurig den, der ich könnte sein.“
Einer der kühnsten Gedanken der Logotherapie ist die Behauptung, dass das Leben unter allen Bedingungen – absolut ausnahmslos – sinnvoll bleiben kann. Frankl kartografierte drei Hauptstraßen, auf denen wir Sinn verwirklichen:
Es ist die revolutionäre Idee, dass selbst eine persönliche Tragödie in einen menschlichen Sieg verwandelt werden kann. Frankl war überzeugt: „Eigentlich gibt es keine Lebenssituation, die wirklich bar wäre jedweden Sinns.“
Wie aber navigieren wir in einer Welt, in der die großen moralischen Wegweiser zu verblassen scheinen? Frankl bezeichnet das Gewissen als das „Sinn-Organ“. Es ist die intuitive Fähigkeit, den „einmaligen und einzigartigen Sinn“ einer Situation aufzuspüren.
In einer Ära schwindender Gebote rückt die Erziehung zur Verantwortung in das Zentrum. Während früher die „Zehn Gebote“ als universelle Regeln galten, muss der moderne Mensch heute lernen, „hellhörig“ für die unzähligen, situativen Aufgaben zu werden:
„In einem Zeitalter, in dem die 10 Gebote für so viele ihre Geltung zu verlieren scheinen, muss der Mensch instand gesetzt werden, die 10.000 Gebote zu vernehmen, die in den 10.000 Situationen verschlüsselt sind, mit denen ihn sein Leben konfrontiert.“
Werte sind dabei kein theoretisches Wissen, das man auswendig lernt. Sie sind eine Lebenspraxis:
„Werte können wir nicht lehren – Werte müssen wir leben.“
Viktor Frankls Lehre ist kein psychologisches Trostpflaster, sondern ein Weckruf. Jeder Mensch ist in seiner Existenz unvertretbar und unersetzbar. Das Leben ist kein Generalangriff auf Ihr Wohlbefinden, sondern eine ständige Einladung, einen Beitrag zu leisten, den nur Sie – mit Ihrer Geschichte und Ihren Talenten – leisten können.
Sie sind nicht das bloße Opfer Ihrer Gene, Ihrer Erziehung oder Ihrer Umstände. Sie sind der Baumeister Ihres Lebens und besitzen die Freiheit, sich in jedem Augenblick neu zu entscheiden, wer Sie im nächsten Moment sein wollen.
Welche Aufgabe wartet in diesem Moment darauf, von Ihnen – und nur von Ihnen – beantwortet zu werden?
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