Was bleibt von unserem Selbstbild, wenn wir das nicht mehr können, was uns jahrelang definiert hat?
Für manche Menschen beginnt diese Frage mit einer chronischen Erkrankung. Plötzlich funktioniert der Körper nicht mehr so wie früher. Gewohnte Aktivitäten werden unmöglich, berufliche Pläne verändern sich, Abhängigkeit von anderen nimmt zu.
Was aber bleibt, wenn Leistung, Sport und Unabhängigkeit nicht mehr selbstverständlich sind?
Die Logotherapie nach Viktor Frankl richtet den Blick in solchen Situationen auf eine Dimension des Menschen, die nicht einfach durch körperliche Einschränkungen verschwindet: die geistige Freiheit und die Möglichkeit, eine Haltung zum Unabänderlichen einzunehmen.
Frau S., eine vitale 49-jährige Frau, war Zeit ihres Lebens eine „Macherin“. Sie definierte sich über ihren sportlichen Erfolg, ihre berufliche Dominanz und ihre Unabhängigkeit. Vor drei Jahren riss die Diagnose einer chronisch fortschreitenden Erkrankung ihr Leben in Stücke. Heute ist sie auf Gehhilfen angewiesen, ihre Kraft schwindet täglich. Sie begegnet mir mit einer Mischung aus bitterer Wut und tiefer Resignation.
„Mein Körper verrät mich“, sagt sie und vermeidet dabei den Blickkontakt. „Ich erkenne mich selbst nicht mehr im Spiegel. Ich bin kein Mensch mehr, ich bin nur noch eine Belastung für meinen Partner.“
Frau S. erlebt einen tiefgreifenden Identitätsverlust.
Viele ihrer bisherigen Sinnquellen sind nicht mehr oder nur noch eingeschränkt zugänglich. Das betrifft die sogenannten schöpferischen Werte – also das, was ein Mensch durch Leistung und Tätigkeit verwirklicht – ebenso wie Erlebniswerte, etwa die Freude an Bewegung und Natur.
Wenn genau diese Bereiche plötzlich wegbrechen, kann die Frage entstehen: Was bin ich noch wert, wenn ich nichts mehr leisten kann? Die logotherapeutische Perspektive setzt genau hier an. Leid ist nicht vermeidbar. Aber es kann sinnfähig sein.
Das bedeutet nicht, das Leid kleinzureden oder einer Krankheit vorschnell einen „Sinn“ zu geben. Es bedeutet vielmehr, dass auch unter schwierigen Bedingungen ein geistiger Gestaltungsspielraum bestehen bleiben kann.
In der Logotherapie wird diese Fähigkeit als Trotzmacht des Geistes bezeichnet. Der Mensch kann nicht immer bestimmen, was ihm widerfährt. Er kann aber unter bestimmten Bedingungen Einfluss darauf nehmen, wie er sich dazu verhält.
Frau S. hat einen kranken Körper. Aber sie ist nicht auf ihren kranken Körper reduzierbar. Diese Unterscheidung kann in der Beratung eine große Bedeutung bekommen.
Eine sinnzentrierte Beratung beginnt hier nicht mit einem positiven Spruch. „Das wird schon wieder“ wäre keine angemessene Antwort auf Frau S.s Situation.
Stattdessen braucht ihr Schmerz Raum. Ihre Wut. Ihre Trauer. Ihre Angst. Das Gefühl, nicht mehr die Frau zu sein, die sie einmal war. Erst wenn das Erlebte ernst genommen werden darf, kann langsam ein Prozess der Neuorientierung beginnen.
Ein wichtiger Schritt ist die Sinnbilanz bisheriger Lebensphasen. Gemeinsam wird betrachtet, was Frau S. in ihrem bisherigen Leben verwirklicht hat. Welche Beziehungen, Erfahrungen, Leistungen und Werte gehören zu ihrer Lebensgeschichte?
Denn das, was ein Mensch bereits gelebt und verwirklicht hat, kann ihm nicht einfach genommen werden.
Die Frage verändert sich damit langsam: Nicht mehr nur: „Was kann ich jetzt noch?“ Sondern auch: „Was habe ich bereits in meinem Leben verwirklicht?“
Die Einstellungsarbeit richtet den Blick schließlich auf die Bereiche, in denen Frau S. weiterhin gestalten kann. Vielleicht kann sie nicht mehr wandern. Vielleicht kann sie bestimmte berufliche oder sportliche Aktivitäten nicht mehr ausüben.
Aber sie kann möglicherweise beeinflussen, wie sie ihrem Partner beim Abendessen begegnet. Sie kann entscheiden, wie sie mit bestimmten Situationen umgeht. Sie kann Beziehungen gestalten und Werte verwirklichen. Es geht nicht darum, die Krankheit schönzureden. Es geht darum, innerhalb der Realität neue Möglichkeiten zu entdecken.
Gerade darin liegt eine zentrale Aufgabe psychosozialer Beratung: Menschen nicht auf ihre Einschränkungen zu reduzieren.
Der Wert eines Menschen hängt nicht davon ab, wie leistungsfähig sein Körper gerade ist. Der Fall von Frau S. zeigt deshalb eindrücklich, warum die geistige Dimension des Menschen in der Logotherapie eine so wichtige Rolle spielt.
Die Frage nach dem Sinn verändert sich dabei von der Suche nach einer Erklärung für das Geschehene hin zu einer Frage nach dem nächsten möglichen Schritt: „Wozu jetzt?“
Das bedeutet nicht, dass jedes Leid sofort einen Sinn bekommt. Und es bedeutet auch nicht, dass Krankheit einfach durch die „richtige Einstellung“ überwunden werden kann. Es bedeutet vielmehr, dass selbst dort, wo wir nicht alles verändern können, nicht automatisch jede Möglichkeit verloren ist. Die Trotzmacht des Geistes erinnert daran, dass der Mensch mehr ist als das, was ihm widerfährt.
An der EALU lernen angehende Beraterinnen und Berater, Menschen auch in solchen existenziellen Krisen professionell zu begleiten – mit fachlicher Tiefe, menschlicher Sensibilität und einem Blick für jene Gestaltungsspielräume, die trotz allem bestehen bleiben.