Serie, Teil 1: Sinn finden in der Krise – Einblicke in die logotherapeutische Praxis

Willkommen zu einer Reise in die Tiefe dessen, was uns als Menschen ausmacht. Mehrere Dozent:innen an der EALU (Europäische Akademie für Logotherapie – Universitär) begleiten seit vielen Jahren angehende Beraterinnen und Berater dabei, nicht nur eine Methode zu erlernen, sondern eine Haltung zu entwickeln.

Wir alle kennen jene Momente im Leben, in denen das Fundament zu beben beginnt. Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie, erinnerte uns stets daran, dass der Mensch ein Wesen auf der Suche nach Sinn ist. Diese Suche ist kein Luxusgut für ruhige Zeiten, sondern unser stärkster Überlebensmechanismus in der Krise.

In dieser vierteiligen Serie möchten wir Sie einladen, hinter die Kulissen unserer Ausbildung bzw. die Arbeit einer Lebens- und Sozialberater:in/Psychosozialen Berater:in zu blicken. Anhand konkreter Fallvignetten aus unserer Praxis zeigen wir auf, wie wir an der EALU komplexe menschliche Nöte durch die „logotherapeutische Brille“ betrachten und welche Wege aus der scheinbaren Ausweglosigkeit führen.


Fallvignette 1: Wenn Freiheit zur Flucht wird – Der Fall Herr M. (46)

Hast du dich jemals gefragt, wo die Grenze zwischen Selbstverwirklichung und Egoismus verläuft? In unserer heutigen Zeit feiern wir die individuelle Freiheit als höchstes Gut. Doch in der Beratungspraxis begegnen wir oft Menschen, die unter der Last einer Freiheit leiden, die keine Richtung mehr kennt. Wir bei der EALU lehren, dass Freiheit niemals eine „Freiheit von“ etwas ist, sondern immer eine „Freiheit zu“ etwas – zu einer Aufgabe, zu einem Menschen, zu einer Verantwortung.

Die Fallvignette Stell dir einen Mann vor, der im Außen alles erreicht hat. Herr M., 46 Jahre alt, erfolgreich in einer leitenden Position, seit 18 Jahren verheiratet, zwei wohlgeratene Kinder im Teenageralter. Er war zeitlebens der Fels in der Brandung, die personifizierte Zuverlässigkeit. Doch nach dem Besuch mehrerer Selbsterfahrungsseminare ist in ihm eine Unruhe erwacht. Er spürt eine brennende Sehnsucht nach dem, was er „echtes Leben“ nennt. Diese Suche führte ihn in eine leidenschaftliche Affäre mit einer Kollegin. Nun sitzt er mir gegenüber, zerrissen zwischen zwei Welten.

„Ich habe das Gefühl, jahrelang nur funktioniert zu haben“, gesteht er mit belegter Stimme. „Jetzt will ich endlich mein eigenes Leben leben. Aber die Wahrheit ist grausam: Egal wie ich mich entscheide – jemand wird verletzt.“

Die logotherapeutische Analyse Als Berater sehen wir hier mehr als nur eine „Midlife-Crisis“. Herr M. befindet sich in einem existenziellen Wertekonflikt. Er verwechselt den Drang nach Authentizität mit einer bloßen Befriedigung von Impulsen. In der Logotherapie sagen wir: Freiheit ist immer mit Verantwortung verbunden. Wenn Herr M. sagt, er wolle „endlich leben“, erliegt er einer gefährlichen Selbsttäuschung. Er versucht, seinen Sinn auf Kosten anderer zu „delegieren“. Er möchte die Freiheit der neuen Liebe genießen, ohne die existenzielle Realität der Schuld anzuerkennen, die durch den Bruch seiner bisherigen Bindungen entsteht. Freiheit ohne Verantwortung ist Willkür; sie führt nicht zu Sinn, sondern in ein existenzielles Vakuum.

Der Lösungsweg In der Ausbildung an der EALU legen wir größten Wert darauf, dass wir als Berater keine „Lebensentscheider“ sind. Wir nehmen Herrn M. die Wahl nicht ab, aber wir fördern seine Entscheidungsreife. Der Beratungsverlauf orientiert sich an einer klaren Struktur:

  • Stabilisierung und Entlastung: Zuerst schaffen wir einen wertfreien Raum, in dem der Druck weichen darf. Hier sind moralische Bewertungen für uns als Berater ein absolutes „Not-to-do“.
  • Wertedialog: Wir erforschen im Gespräch: Was sind die tragenden Säulen seines Lebens? Wir stellen die Frage: „Was ist Ihnen in der Tiefe letztlich wichtiger – die momentane Lebendigkeit oder die über Jahre gewachsene Treue zu sich selbst und anderen?“
  • Spiegelung: Ich spiegle ihm sanft seine Aussage wider: „Sie sagen, Sie wollen Ihr eigenes Leben leben. Gehört die Verantwortung für Ihre Kinder nicht auch zu diesem ‘eigenen’ Leben?“
  • Integration der Schuld: Wir führen ihn zu der Erkenntnis, dass Schuld ein Teil der menschlichen Existenz ist. Er muss lernen, die Konsequenzen seines Handelns zu tragen, statt vor ihnen zu fliehen.

Was dieser Fall für die Beratungspraxis zeigt

Der Fall von Herrn M. macht deutlich, dass sinnzentrierte Beratung nicht bedeutet, einem Menschen möglichst schnell ein gutes Gefühl zu vermitteln.

Manchmal bedeutet Beratung, Ambivalenzen auszuhalten. Fragen zu stellen, statt Antworten zu liefern. Einen Menschen dabei zu begleiten, genauer hinzusehen – auch dort, wo es unangenehm wird.

Oder, bildlich gesprochen: Der Berater hält die Taschenlampe, während der Klient selbst in seinen dunklen Keller steigt, um dort seine Werte wiederzufinden.

Was bedeutet Freiheit für dich?

Vielleicht lohnt es sich, die Frage einmal auf das eigene Leben zu übertragen: Wo erlebe ich Freiheit – und wo beginnt meine Verantwortung?

Genau diese Verbindung zwischen Freiheit, Verantwortung und Sinn gehört zu den zentralen Themen der logotherapeutischen Arbeit.

An der EALU lernen angehende Beraterinnen und Berater, Menschen in solchen existenziellen Situationen professionell zu begleiten – nicht indem sie Entscheidungen abnehmen, sondern indem sie Menschen dabei unterstützen, ihre eigene verantwortete Entscheidung zu finden.

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